Die Pornografie-Nutzungsstörung, PNS, zählt zur häufigsten Unterform der Störung mit zwanghaftem Sexualverhalten. Seit 2019 wird sie offiziell als eigenständige Erkrankung anerkannt. 

Wir haben mit Prof. Dr. Rudolf Stark darüber gesprochen, wie es zur Erkrankung kommt, was Gefühle damit zu tun haben und welche Rolle das Alter spielt. Er forscht seit über 20 Jahren an zwanghaftem Sexualverhalten und leitet an der Justus-Liebig-Universität Gießen das Projekt PornoLoS, das 2025 angelaufen ist. 

Prof. Dr. Rudolf Stark
Professor für Psychotherapie und Systemneurowissenschaften an der Justus-​Liebig-Universität

Junger Mann im Bett am Handy

pulsprivat: Untersuchungen zufolge schauen neunzig Prozent der Männer regelmäßig Pornos. Drei Prozent entwickeln eine Pornografie-Nutzungsstörung. Worum geht’s dabei? 

Stark: Die Betroffenen schauen Pornos und haben gute Gründe, ihren Konsum zu reduzieren oder zu stoppen und machen dann immer wieder die Erfahrung, dass ihnen das nicht gelingt. Der Kern der Symptomatik ist ein Kontrollverlust. Daneben muss der Pornokonsum zur zentralen Lebensaktivität werden: Hobbys, soziale Kontakte, andere Interessen treten zunehmend in den Hintergrund. Außerdem muss das Problem laut Definition seit mindestens sechs Monaten bestehen – mit entweder erheblichen Leidensdruck oder nachweisbaren Funktionseinschränkungen, also etwa Scheidungen, massive Fehlzeiten bei der Arbeit oder vergleichbare gravierende Folgen. 

pulsprivat: Spielt es bei der Diagnose keine Rolle, wie oft jemand Pornos schaut?

Stark: Häufigkeit kann ein Hinweis sein, ist aber kein Kriterium, das erfüllt sein muss. Entscheidend ist der individuelle Leidensdruck. Es gibt sogar eine Regelung der Weltgesundheitsorganisation, dass die Diagnose ausdrücklich nicht vergeben werden darf, wenn ausschließlich moralische Bedenken zu den Problemen führen. 

pulsprivat: Können Sie das an einem Beispiel erläutern? 

Stark: Stellen Sie sich jemanden vor, der einmal im Monat Pornos schaut und dadurch extreme Schuldgefühle entwickelt – weil das mit seinem Weltbild oder seinem Glauben nicht vereinbar ist. Manche Kliniker würden sagen, hier liegt eine klinische Störung vor. Andere würden entgegnen, dieser Mensch müsse vielleicht eher seine Einstellung ändern als sein Verhalten. Das sind nach wie vor offene Fragen in der Wissenschaft, und ich finde sie auch sehr berechtigt.

pulsprivat: Wie entsteht eine Pornografie- Nutzungsstörung? 

Stark: Von über dreihundert ausführlichen Beratungsgesprächen, die ich geführt habe, fällt mir spontan genau ein Fall ein, bei dem die Nutzung nicht in der Jugend angefangen hatte. Das Modell, das wir entwickelt haben, geht von folgender Dynamik aus: In der Pubertät wird Pornografie zu einer sehr effektiven Methode der Emotionsregulation. Der Vierzehnjährige, der von der Schule kommt, frustriert ist und ins Internet geht – dort kann er alles um sich herum vergessen. Wir sprechen von Eskapismus. Dann ist die entscheidende Frage, wie sich das weiterentwickelt, ob das bei Episoden bleibt und dann zum Beispiel die normale Entwicklung einsetzt und man auch partnerschaftliche Sexualität kennenlernt und dann eben Pornos viel leicht viel weniger wichtig werden. 

pulsprivat: Und wann kippt der Konsum in eine Störung? 

Stark: Wenn sich das Muster dauerhaft verfestigt – also: immer wenn ich mich einsam fühle, immer wenn ich Frust habe, öffne ich eine Pornoseite – dann lernt das Gehirn genau das. Wenn dann irgendwann die negativen Konsequenzen spürbar werden und die Betroffenen merken, dass sie trotz guter Vorsätze nicht aufhören können, ist die höchste Eskalationsstufe erreicht. 

pulsprivat: Empfinden die Konsumenten noch Lust, wenn sie so viele Pornos anschauen? 

Stark: Aus den Erzählungen von Betroffenen kenne ich das so: Wenn jemand eben wirklich eine sehr ausgeprägte Nutzung hat, dann kann es sein, dass mehrfach am Tag eine Session stattfindet, wo bis zum Orgasmus masturbiert wird. Und eigentlich wird dann gar keine große Lust mehr empfunden. Hat das aber dazu geführt, dass ich andere Ziele nicht erreicht habe, wäre das ja genau wieder eine Auslösesituation, Pornos zu nutzen. Damit regele ich meine Gefühle. Weil aber Lust gar nicht mehr richtig da ist, wird die Situation schwieriger. Also muss ich dann möglicherweise härteres Material verwenden, um überhaupt noch mal auf ein Erregungsniveau zu kommen. 

pulsprivat: Gesellen sich zur Pornografie-Nutzungsstörung weitere Krankheitsbilder?

Stark: Ja, etwa 60 Prozent weisen auch andere klinische Störungsbilder auf. Das sind oft Depressionen, Angst und auch andere Suchterkrankungen. Um an unserem Projekt PornLoS teilnehmen zu können, war es wichtig, dass die Pornografie-Nutzungsstörung die primäre Störung ist und die Depression eher eine Folge davon ist. 

pulsprivat: Was unterscheidet jemanden, der regelmäßig Pornos schaut ohne klinische Störung von jemandem mit dieser Diagnose? 

Stark: Unsere neurowissenschaftlichen Befunde zeigen, dass die Unterschiede bei der Verarbeitung sexueller Reize zwischen pathologischen und gelegentlichen Nutzern kaum messbar sind. Sexuelle Reize sind für Menschen generell extrem attraktive Stimuli. Der Unterschied liegt nicht in der Lust selbst, sondern in der Funktion und der Frequenz. 

Junges Paar nach Streit

pulsprivat: Und wie wirkt sich pathologischer 
Pornokonsum auf Partnerschaften aus? 

Stark: In unserer Stichprobe sind sechzig Prozent der Betroffenen in einer Beziehung. Probleme sind sehr häufig, weil sich durch intensiven Konsum oft spezifische Fetische herausbilden, die sich in der Realität schwer umsetzen lassen. Pornografie ist außerdem extrem egozentrisch: Ich bestimme, was ich sehe, wie lange, wie ich mich stimuliere. Partnerschaftliche Sexualität ist das genaue Gegenteil – sie erfordert Aushandlung, Kompromisse, Empathie. 

pulsprivat: Spiegelt sich der zwanghafte Konsum auch körperlich? 

Stark: Ja, durchaus. Viele Betroffene berichten, dass die partnerschaftliche Stimulation für sie irgendwann nicht mehr ausreicht – weil sie von der Masturbation her eine ganz andere, optimierte Stimulation gewohnt sind. Das schlägt sich dann in Erektions- oder Ejakulationsstörungen nieder. Das belastet Beziehungen enorm, und es kann so weit gehen, dass Betroffene sagen: Ich möchte in der Beziehung bleiben, aber Sexualität bitte außen vor. 

pulsprivat: Wird der Konsum in Partnerschaften thematisiert, oder verschweigen es die meisten? 

Stark: Zunächst wird es fast immer stark tabuisiert und verheimlicht. Viele, die zu uns kamen, wurden von ihren Partnerinnen entdeckt oder haben es irgendwann gebeichtet. Manchmal stehen wir aber auch vor einer anderen Frage: Liegt hier tatsächlich eine pathologische Störung vor – oder bewertet die Partnerin einen Konsum als krankhaft, der es objektiv nicht ist? Auch das hatten wir schon. 

pulsprivat: Frauen erhalten die Diagnose seltener. Warum? 

Stark: Also international geht man immer davon aus, dass das Verhältnis zwischen Männern und Frauen etwa drei bis vier zu eins ist. Das sehen wir nicht: Also wir haben im Rahmen von PornLoS ungefähr 1000 potenzielle Patienten kontaktiert, bei diesen 1000 waren ungefähr zehn Frauen dabei. Wir haben in PornLoS jetzt, glaube ich, aktuell drei, vier Frauen. Mehr nicht. Es gibt Hinweise darauf, dass vielleicht das sexuelle Dating-Ver halten bei Frauen häufiger stattfindet, das ist auch eine Unterform der Störung mit zwanghaften Sexualverhalten. Aber da wissen wir noch viel zu wenig drüber. 

pulsprivat: Zum Schluss: Macht die Allgegenwart von Pornografie die Gesellschaft kränker? 

Stark: Als ich vor zwanzig Jahren in das Thema eingestiegen bin, kam gerade das Smartphone. Damals war meine Erwartung düsterer. Ich dachte, wir steuern auf eine Epidemie zu. Das ist nicht eingetreten. Wenn drei Prozent der männlichen Erwachsenen ein ernstes Problem haben, bedeutet das: siebenundneunzig Prozent nicht. Was mich aber beschäftigt, sind die strukturellen Fragen: Wir lernen von unseren Eltern, wie man anständig mit Messer und Gabel am Küchentisch sitzt. Wir lernen aber nicht guten Sex von unseren Eltern – das ist immer ein Tabuthema. Eltern werden rot, Lehrer werden rot, wenn sie Aufklärungsunterricht machen müssen. Und dementsprechend haben Kinder bei dem Thema keine Vorbilder. Das heißt, Pornografie ist für Jugendliche das erste Modell von Sexualität überhaupt. Jetzt stellen Sie sich vor, jemand hat drei Jahre lang sehr viel Pornos gesehen, die alle relativ ähnlich aufgebaut sind und wo extreme Rollenklischees mit vermittelt wer den – die Männer wollen immer, und die Frauen wollen immer begehrt werden. Dennoch sehe ich es auch so: Jede Generation entwickelt womöglich ihren eigenen Umgang mit Sexualität. Ich denke, als Wissenschaftler hat man die Aufgabe, weniger zu bewerten, sondern zu sagen: Wir brauchen Daten, Daten, Daten.

Das Projekt PornLoS hat zum Ziel, wirksame Behandlungsmethoden für Menschen mit einer Pornografie-Nutzungsstörung, PNS, zu entwickeln und Therapeutinnen und Therapeuten entsprechend auszubilden. Im Rahmen der Untersuchung werden zwei unterschiedliche Therapieziele erprobt: Die völlige Abstinenz und die kontrollierte Nutzung. Beim Abstinenzmodell sollen die Probanden nie wieder Pornos schauen. Laut Stark weisen Studien allerdings darauf hin, dass die Rückfallquoten bei 90 Prozent liegen. Bei der kontrollierten Nutzung werden individuelle Regeln festgelegt, wann Pornos konsumiert werden können und wann nicht. In dem Programm PornLoS werden die Teilnehmenden mit auslösenden Reizen konfrontiert, denen sie mit erlernten Techniken begegnen – zum Beispiel die Musik laut aufdrehen. Zur Therapie gehört außerdem Gruppentherapie, weil laut Stark Scham eine große Rolle bei der Störung spielt. Diese beiden Ansätze werden mit herkömmlichen Behandlungsstandards verglichen. Zusätzlich gibt es eine Kontrollgruppe. Umfassende Ergebnisse werden 2027 erwartet. Das Projekt ist weltweit einmalig und wird als Innovationsprojekt auch von der BAHN-BKK gefördert.

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