Viele Frauen verlieren Urin. Nicht nur die älteren. Erfahren Sie, was der Beckenboden damit zu tun hat und was Sie gegen Inkontinenz tun können.

Mit der Blase ist es so eine Sache: Wer Stress hat, rennt häufiger auf die Toilette – dann aber kommen nur ein paar Tropfen. Über die Jahre und mit den ersten Fältchen und Kindern kommen nächtliche Toilettengänge hinzu, plötzlich treiben auch Kaffee und Alkohol. Und irgendwann erleben viele Frauen den Tag: Der Schlüssel steckt noch nicht in der Eingangstür, und die Blase kennt kaum noch ein Halten. 

Wer von Dr. Tina Cadenbach-Blome aufgeklärt wurde, rennt dann aber nicht sofort ins Bad, sondern schaut erst einmal, was im Wohnzimmer los ist. Die über aktive Blase nämlich schleicht sich über die Jahre ein, sagt sie. An der Haustür lernt sie, dass dahinter die Toilette wartet. Und beginnt zu tröpfeln. Wer das nicht möchte, muss seine Blase erziehen.

„Der Blase ruhig sagen: ‚Nett, dass du dich meldest, aber wir gehen erst später.‘ Denn die Blase speichert viel mehr, als man denkt.“

Dr. Tina Cadenbach-Blome, Chefärztin der Frauenklinik am Westallgäu-Klinikum Wangen

Bei normaler Trinkmenge könne man sich an alle drei bis vier Stunden gewöhnen. Wehret den Anfängen. Und: „In dem Moment, in dem einer Frau erstmals auffällt, dass sie häufiger zur Toilette muss, müsste eine Abklärung folgen, damit es gar nicht erst zur verfestigten Drang blase kommt.“

Belastungsinkontinenz: Wenn eine Frau beim Husten, Niesen oder Sport Urin verliert, aber keinen Harndrang hat, spricht das eher für eine Belastungsinkontinenz. Die Belastungsinkontinenz steht in enger Verbindung mit Schwangerschaft und Geburt.

Dranginkontinenz: Starker Harndrang und häufige Toilettengänge weisen in Richtung Dranginkontinenz. Sie ist gekennzeichnet durch eine überaktive Blase.

Urinverlust: Eine Schwäche des Beckenboden

Belastung für den Beckenboden: Frau, die eine Stange mit Gewichten stemmt

Während bei jüngeren Frauen die Belastungsinkontinenz dominiert, nehmen ab dem mittleren Lebens alter insbesondere Drang- und Mischinkontinenz zu. Laut der Gesundheit-65+-Studie sind bei den 65- bis 79-Jährigen 22 Prozent betroffen. Frauen verlieren Urin zudem häufiger als Männer. Der Grund: Zwar ist für beide Geschlechter der Beckenboden ein wichtiger Muskel für die Kontinenz. Doch der weibliche Becken boden ist besonders verletzlich, weil Schwangerschaft und Geburt auf eine Struktur einwirken, die gleichzeitig Kontinenz und Organstabilität sicherstellen muss. 

Mit Urinverlust infolge von Belastungsinkontinenz kämpfen daher vielfach Schwangere oder Frauen, die entbunden haben. Aber auch unter Spitzensportlerinnen ist Urinverlust ein Thema. Besonders bei sogenannten High-Impact-Sportarten, bei denen der Körper starken Stoß- und Belastungskräften ausgesetzt ist. Und auch der Trendsport Cross Fit scheint Urinverlust zu begünstigen, das deuten Beobachtungsstudien an. Cadenbach-Blome findet: Schon junge Frauen sollten den Beckenboden und seine Bedeutung kennen. 

Ob der Beckenboden ein Leben lang standhaft bleibt oder nicht, hängt von zahlreichen Faktoren ab: 

  • Die Beschaffenheit des Bindegewebes, 
  • bestimmte Vorerkrankungen, 
  • das Gewicht, das Alter, 
  • die Art und Zahl der Geburten sowie 
  • der Alltag wirken auch auf ihn ein. 

Cadenbach-Blome betont aber: „Keiner der Faktoren führt zwingend in eine Inkontinenz."

Beckenbodentraining: Bringt's das?

Beckenbodentraining wird oft Frauen verschrieben, die entbunden haben. Doch alle Frauen profitieren davon: „Wenn jemand mit 60 beim Wandern hin und wieder Urin verliert oder die Beschwerden mit Beginn der Wechseljahre einsetzen, kann eine Physiotherapie gute Ergebnisse erzielen“, sagt die Urogynäkologin. Wichtig: Es brauche Therapeutinnen mit entsprechender Zusatzausbildung, nicht irgendein Training. Sie stellt klar: „Eine Physiotherapie im Anfangsstadium ist im Grunde Sekundärprävention – man verhindert, dass sich das Problem verfestigt.“

„Mit einem frühzeitig begonnenen, gezielten Beckenbodentraining lässt sich eine Belastungsinkontinenz tatsächlich wieder zurückdrängen – gerade in leichteren Ausprägungen.“

Dr. Tina Cadenbach-Blome, Chefärztin der Frauenklinik am Westallgäu-Klinikum Wangen

Frau beim Beckenbodentraining

Doch obwohl Beckenbodentraining wirkt, trainieren Frauen oft nicht ausreichend. Ein Grund: „Nehmen Sie eine Dreiundvierzigjährige mit zwei Kindern und einem 80-Prozent-Job – wann soll die noch Beckenbodentraining machen? Wir können froh sein, wenn sie es überhaupt zum Sport schafft“, erklärt sie. 

Fakt aber ist: „Sinnvoll wäre, die Übungen zunächst unter Anleitung zu lernen und dann regelmäßig zu üben, idealerweise zwei- bis dreimal die Woche.“ Und wie bei jedem Muskeltraining gilt: Hört man auf, lässt der Effekt nach. Immerhin gibt es inzwischen gute Geräte für zu Hause, teils mit App und Biofeedback. Cadenbach-Blome sagt, jede kleine Übung sei besser als keine. Einbauen lassen sie sich überall: an der roten Ampel, an der Kasse im Supermarkt, in der Straßenbahn.

Puzzleteil lokales Östrogen

Frauen in den Wechseljahren sollten über Kontinenz mit ihrer Gynäkologin sprechen; lokales Östrogen beispielsweise könne ein Baustein der Beckenbodentherapie sein, so Cadenbach-Blome. „Die Kollagenschicht wird dicker, die Durchblutung steigt – bis in Richtung Blase. So lässt sich die Alterung des inneren Genitals ein Stück weit aufhalten.“ Mit der Hormonersatztherapie funktioniere das weniger, weil im Urogenitalsystem eine andere Form des Östrogens wirke.

Frau muss nicht inkontinent sein, stellt die Expertin klar:

„Viele Frauen, die ich spreche, haben den Satz gehört: ‚Das gehört doch dazu.‘ Zum Schwangergewesensein, zum Älter werden. Das ist Unsinn. Jede Frau, die normal ihren Alltag lebt, sollte eigentlich nicht inkontinent sein.“ 

Dr. Tina Cadenbach-Blome, Chefärztin der Frauenklinik am Westallgäu-Klinikum Wangen

Gegen Inkontinenz kann man etwas tun: „Konservativ für die leichten Formen, operativ dort, wo es nicht mehr anders geht. Hier ist auch die Erfahrung des Zentrums oder der Klinik entscheidend: Wer Inkontinenzoperationen mehrmals pro Woche durchführt, hat nachweislich niedrigere Komplikationsraten als jemand, der das nur zweimal im Monat macht“, weiß sie.

Hier finden Frauen und Männer Physiotherapeuten und -therapeutinnen für den Beckenboden:

www.ag-ggup.de/therapeutenliste

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